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Ransomware: Cyber-Angriff via Aquarium

Erstellt am 07.Oktober 2019, 16:00 Uhr | Kategorie: News

Das Internet der Dinge (IoT) vernetzt nach und nach jedes Alltagsgerät – vom Heizungsthermostat bis zum Auto. Gleichzeitig wird dadurch auch alles einfacher angreifbar. Aktuelle Angriffe zeigen, welche Gefahren auf uns zukommen. Gegenmaßnahmen sind nicht in Sicht.

Heizungsthermostat
Analog, unsmart, unhackbar: ein klassisches Heizungsthermostat.

Sicherheitsforscher haben vor den Risiken gewarnt, die von schlecht gesicherten Geräten im sogenannten Internet der Dinge ausgehen können. “Wir reden nicht mehr nur von traditionellen Computern, sondern von Alltagsgegenständen wie Autos, Spielzeugen, medizinischen Geräten oder Heizungssteuerungen”, sagte der US-Experte Bruce Schneier am Rande der Fachkonferenz Cyber Security Nordic in Helsinki. “Wenn meine Tabellenkalkulation abstürzt, verliere ich vielleicht meine Daten. Aber wenn mein Herzfrequenz-Messgerät crasht oder die Bremsen meines autonom fahrenden Autos versagen, kann ich vielleicht dabei sterben.”

Beispielsweise im Kammergericht Berlin müssen die Mitarbeiter des obersten Straf- und Zivilgerichtes der Bundeshauptstadt in diesen Tagen mit Fax, Papier und Telefon kommunizieren. Das E-Mail-System des Kammergerichts wurde durch die berüchtigte Schadsoftware Emotet infiziert, einem Trojaner, vor dem das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) deutsche Unternehmen erst kürzlich gewarnt hatte.

Emotet ist zunächst darauf ausgerichtet, die infizierten E-Mail-Systeme auszuspionieren. Das Programm kann dann weitere Schadsoftware nachladen – beispielsweise Banking-Trojaner, die versuchen, digitale Geldströme in die Taschen der Kriminellen umzuleiten. Andere Schadprogramme haben vor allem das Ziel, die Opfer zu erpressen. Bei diesen Ransomware-Angriffen sollen die Anwender mit manipulierten E-Mails ebenfalls dazu animiert werden, auf einen infizierten Dateianhang zu klicken und damit eine flächendeckende Verschlüsselung aller Daten auf den Computern im Netzwerk auszulösen. Für das Passwort, mit dem die Daten wieder entschlüsselt werden können, wird ein Lösegeld (englisch: ransom) verlangt.

Aus dem Waffenarsenal der NSA

Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht Meldungen über betroffene Institutionen die Runde machen. Experten haben mittlerweile weit mehr als 10.000 Spielarten von Verschlüsselungstrojanern ermittelt, darunter der berüchtigte WannaCry, der auch Rechner der Deutschen Bahn und der Stadt Baltimore im US-Bundesstaat Maryland digital angegriffen und lahmgelegt hat. WannaCry nutzte eine Schwachstelle im Microsoft-Betriebssystem Windows aus, die der US-Geheimdienst NSA entdeckt und jahrelang für eigene Spionageangriffe verwendet hatte. Die Cyberwaffe der NSA mit dem Namen EternalBlue geriet 2016 in die Hände einer Hackergruppe, danach schwappten Angriffswellen mit den Trojanern WannaCry und NotPetya durchs Land.

Gegen die Computerwürmer, die sich durch die Netzwerke von Firmen und Organisationen fressen, kann man sich nur schwer schützen. Das macht ein Beispiel deutlich, von dem der renommierte US-Sicherheitsforscher Bruce Schneier auf der Fachkonferenz Cyber Security Nordic 2019 in Helsinki berichtet: “Die eigentlich gut abgesicherte Finanzabteilung eines Casinos in Las Vegas wurde dadurch gehackt, weil sich im lokalen Netzwerk des Hauses auch ein Fisch-Aquarium mit einem Internet-Anschluss befunden hat.” Das System, mit dem die Fütterung der Fische und der Zustand des Wassers über das Internet kontrolliert werden konnten, bohrte in die dicke digitale Abwehrmauer das entscheidende Loch. Über Spezial-Suchmaschinen wie shodan.io können von außen erreichbare Systeme aufgespürt werden.

Billig-Software als Einfallstor

Bei den vernetzten Geräten würden immer wieder Schwachstellen auftauchen. “Die meiste Software wurde schlecht geschrieben und nicht sicher, weil niemand für Qualitätssoftware bezahlen möchte”, konstatierte Schneier. “Es gibt nur wenige Ausnahmen wie das Space Shuttle vielleicht.” Daher müssten eigentlich ständig entdeckte Sicherheitslücken geschlossen werden. Doch dieser Prozess funktioniere selbst bei Smartphones mehr schlecht als recht. Viele Geräte im Internet der Dinge würden nie einen Patch erhalten.

Die Forscher in Helsinki machten sich deshalb für staatlich regulierte Rahmenbedingungen stark. “Wir regulieren ja heute schon Feuerschutz und elektrische Sicherheit”, sagte Mikko Hyppönen, Forschungschef des finnischen Sicherheitsunternehmens F-Secure. “Wenn ich mir heute eine Waschmaschine kaufe, kann ich ziemlich sicher sein, dass ich keinen elektrischen Schlag bekomme. Sie wird auch kein Feuer fangen. Aber sie wird Dein WLAN-Passwort im Handumdrehen verlieren.”

Vorbild könne dabei die europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) sein, die inzwischen auch außerhalb der Europäischen Union als Vorbild für Datenschutzregulierungen gilt. Für viele Unternehmen sei es einfacher, sich weltweit nach der DSGVO auszurichten, als verschiedene Versionen ihrer Produkte und Dienstleistungen anzubieten. Inhaltlich könne man sich auch an einem neuen Gesetz in Kalifornien zur Cybersicherheit orientieren. Nach der Senate Bill No. 327 ist es vom kommenden Jahr an verboten, vernetzte Geräte auszuliefern, die nur mit einem vorbelegten Simpel-Passwort wie “admin”, “password” oder “123456” geschützt sind. (dpa / hcz)