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EU entwickelt biometrisches Abhörsystem

Erstellt am 14.Oktober 2020, 17:48 Uhr | Kategorie: News

Ein neues Überwachungsinstrument der EU soll Anrufer per Algorithmus anhand ihrer Stimme erkennen. Auch Videos sollen massenhaft auf Gesichter überprüft werden.

Logo des Projekts Roxanne
Gewollte Ironie der Entwickler oder Zufall – der gleichnamige Song “Roxanne” stammt von der Band “The Police”.

Das EU-finanzierte Überwachungsprojekt Roxanne soll Daten aus der Sprach- und Gesichtserkennung mit Netzwerkanalysen und Standorterkennung kombinieren. Ziel ist es, Kriminelle leichter zu identifizieren. Dabei entsteht eine riesige Datensammlung.

Das System soll unter anderem Sprachaufnahmen aus abgehörten Telefongesprächen verwenden und Videos von öffentlichen Überwachungskameras per Gesichtserkennung auswerten. Doch auch Filmmaterial von Plattformen wie YouTube und Facebook soll analysiert werden.

An dem Projekt Roxanne (Real time netwOrk, teXt, and speaker ANalytics for combating orgaNized crime) nehmen 24 europäische Organisationen aus 16 Ländern teil. Die Hälfte davon sind Strafverfolgungsbehörden und Innenministerien. Doch auch die Privatwirtschaft, wie beispielsweise Airbus, ist beteiligt. Aus Deutschland sind die Universität des Saarlandes und die Leibniz Universität aus Hannover dabei. Als einziges außereuropäisches Land nimmt Israel mit dem Ministerium für öffentliche Sicherheit an dem Projekt teil.

Ermittlungshelfer

Roxanne soll der Polizei ihre Arbeit erleichtern und bei der Telekommunikationsüberwachung (TKÜ) zum Einsatz kommen. So sollen bestimmte Gesprächsteilnehmer identifiziert werden.

Um Verdächtige verfolgen zu können, die unterschiedliche SIM-Karten nutzen, soll Roxanne außerdem Standortdaten und genutzte Telefon- und IMEI-Nummern sammeln. Inhalte aus früheren Gesprächen sollen ebenfalls gespeichert und mit aktuellen Informationen verglichen werden. Auch IP-Telefonate beispielsweise über WhatsApp oder Skype werden in die umfassende Analyse einbezogen.

Die Telefongespräche sollen mittels einer Spracherkennungs-Software verschriftlicht und archiviert werden. Aus den Texten sollen weitere Informationen extrahiert werden können – wie etwa Orte, Personen und Firmen. Die Software soll auch automatisch Alter, Geschlecht und Akzent des Gesprächsteilnehmers erkennen.

Erste Tests

Das Gesamtbudget des Projektes beträgt knapp 7 Millionen Euro. Noch befindet es sich in der Testphase. Ein erster Test mit Freiwilligen wurde von den Machern als Erfolg bezeichnet.

Mithilfe von Daten der tschechischen Polizei wurde außerdem demonstriert, wie die Technik bei Ermittlungen zum Drogenhandel eingesetzt werden kann. Dabei wurden “riesige Datenmengen” analysiert, um die Verbindungen zwischen Mitgliedern eines kriminellen Netzwerks aufzudecken.

Nach dem geplanten Abschluss des Projekts in zwei Jahren soll es einen Prototypen von Roxanne geben, der in Fallbearbeitungssysteme der Polizei integriert werden könnte.

Vorgängerprogramm war ineffizient

Ebenfalls auf der Seite der EU-Kommission zu finden ist das Speaker Identification Integrated Project (SIIP). Es wurde bis zum Jahr 2018 finanziert, diente ebenfalls der Identifikation von Kriminellen und kann als Vorläufer von Roxanne betrachtet werden. Damals waren unter anderem Airbus, Interpol und das deutsche Bundeskriminalamt beteiligt.

SIIP analysierte nur die Sprachbiometrie und bezog nicht wie Roxanne auch noch andere Daten ein. Dieses Verfahren habe sich laut Projektbeschreibung als wenig erfolgreich herausgestellt. Die Fehlerquote bei der Sprecheridentifikation lag wohl mit einem Prozent unbefriedigend hoch.

Datenschutzbedenken

Ob der Einsatz von Roxanne überhaupt legal sein kann, ist noch umstritten. Das an dem Projekt beteiligte Europol kassierte bereits vor zwei Wochen vom Europäischen Datenschutzbeauftragten Wojciech Wiewiorowski eine erste Rüge, weil die Organisation zu viele Daten hortet. Die Daten würden nicht mehr gezielt erhoben, sondern auch von vielen Unschuldigen erfasst. Außerdem würden die Informationen länger als zur eigentlichen Zweckerfüllung gespeichert. Nun hat Europol zwei Wochen Zeit, einen Aktionsplan zu entwickeln.

Der Stein des Anstoßes für eine Untersuchung war ein Hinweis der Europol-Direktorin Catherine de Boelle am 1. April 2019 an den Datenschutzbeauftragten. Darin weist sie darauf hin, dass es Probleme mit einem Informationssystem gebe, dessen Name in den Unterlagen aber geschwärzt ist. Laut netzpolitik.org handele es sich dabei um Roxanne. (hcz)