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Warntag: Probleme beim Probealarm

Erstellt am 11.September 2020, 16:01 Uhr | Kategorie: News

Keine Sirenen, zu späte Benachrichtigung per App: Der erste bundesweite Warntag verlief alles andere als reibungslos. Die Übung sei “fehlgeschlagen”, urteilt das Innenministerium.

Sirene
In Deutschland gibt es nicht mehr überall Sirenen, die im Ernstfall warnen können. (Quelle: MdE – CC BY-SA 3.0)

Der erste bundesweite Warntag am vergangenen Donnerstag hat viele Missstände offenbart. Eigentlich hätten ab 11 Uhr überall die Sirenen heulen sollen – doch einige Städte haben gar keine Sirenen mehr. Auch bei der Warnung per App hakte es.

Der Warntag sollte die Akzeptanz und das Wissen der Bevölkerung um die Warnungen bei Notlagen erhöhen. In einigen Städten wurden die Sirenen jedoch bereits nach dem Ende des Kalten Krieges abgebaut: So gibt es sie beispielsweise in München, Berlin, Hannover und Stuttgart nicht mehr. Berlin sei für den Einsatz von Sirenen zu dicht besiedelt, sodass man sie auch in anderen Stadtteilen noch hören würde, argumentierte die Senatsinnenverwaltung. Zudem könnten Sirenen zwar warnen, aber keine Handlungsempfehlungen geben.

Doch das zuständige Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sieht die Aufgabe von Sirenen auch nur im Warnen – weitere Informationen bekommt die Bevölkerung dann beispielsweise über den Rundfunk oder das Internet.

Im Interview mit dem Spiegel betonte BBK-Chef Christoph Unger im Vorfeld, dass es einen Mix an verschiedenen Warnmöglichkeiten braucht. Dazu gehörten auch Sirenen. Allerdings würden viele Menschen die Signale nicht mehr verstehen. Der Mix an verschiedenen Kanälen sei gerade für den Fall wichtig, dass es zu Problemen kommt. Etwa, wenn bei einem Stromausfall Radio und Fernsehen nicht funktionieren. Bei Stromausfällen können auch Smartphones nicht mehr ohne Weiteres aufgeladen werden. Deshalb empfiehlt das BBK für jeden Haushalt ein batteriebetriebenes Radio. Sirenen dürften gerade auch nachts effizient sein, wenn die meisten Menschen schlafen und Rundfunkgeräte ausgeschaltet sind.

App empfängt Benachrichtigung zu spät

Beim Warnen der Bevölkerung wird zunehmend auf digitale Wege gesetzt. Doch auch mit der Warn-App “NINA” des Bundes gab es Probleme: So traf die Mitteilung in Berlin eine halbe Stunde zu spät ein. An anderen Orten soll es ähnliche Probleme gegeben haben. Dabei sollte um 11:20 Uhr bereits entwarnt werden. Im Ernstfall hätten so viele Menschen nichts von dem Alarm mitbekommen.

Die App empfängt Warnungen über das vom BBK betriebene Modulare Warnsystem, an das auch die Leitstellen der Rettungsdienste angebunden sind. Das System war aber überlastet, da auch die Leitstellen teilweise eigene Meldungen absetzten, erklärte das BBK auf Twitter. Es sei vorgesehen gewesen, dass nur der Bund den Probealarm auslöst.

Warntag “fehlgeschlagen”

In einer knappen Pressemitteilung hieß es aus dem Bundesinnenministerium: “Die Auslösung des Probealarms am heutigen Warntag 2020 ist aufgrund eines technischen Problems fehlgeschlagen.” Man arbeite die Vorgänge nun auf und wolle diese bei der Weiterentwicklung des Warnsystems berücksichtigen.

Während Deutschland auf eine staatliche Warn-App setzt, kommt in einigen anderen Ländern das sogenannte Cell-Broadcast-System zum Einsatz. Damit lässt sich eine Nachricht an alle Handys in einer Funkzelle verschicken – für den Empfang ist kein Smartphone mit spezieller App nötig. Die Mobilfunkanbieter in Deutschland bieten diesen Dienst aber nicht an, sagte Unger dem Spiegel. Dabei soll die Technik auch bei einem ausgelasteten Mobilfunknetz arbeiten, wenn Anrufe und Datenübertragung kaum noch funktionieren. Die Warn-App hingegen benötigt mobiles Internet.

Im Katastrophenfall ist es allerdings wahrscheinlich, dass auch das Mobilfunknetz überlastet oder nicht mehr verfügbar ist. Beim Anschlag im Münchner Olympia-Einkaufszentrum 2016 war das Mobilfunknetz teilweise überlastet. Und beim großen Stromausfall in Berlin-Köpenick 2019 waren Sendemasten komplett ausgefallen. Dort hätten nach einiger Zeit auch über Cell-Broadcast keine Warnmeldungen mehr verschickt werden können.

Derzeit werde geprüft, ob Cell-Broadcast nicht doch als weiterer Kanal eingeführt werden kann. Behördenchef Unger sagte dem Spiegel, man suche zudem nach weiteren Wegen: Man wolle beispielsweise Laternen ansteuern, die dann rot leuchten. Ein Hacker-Angriff könnte jedoch nicht nur die Benachrichtigungen per App gefährden: Denn “heutige Sirenen sind auch digitale Hightech-Maschinen”.

Bevölkerung soll sich vorbereiten

Im Ernstfall warnt das BBK bei Naturkatastrophen wie Hochwasser und Erdbeben, aber auch bei Waffengewalt und Angriffen, Unfällen in Chemiebetrieben, sowie vor Radioaktivität oder Krankheitserregern. Behördenleiter Unger ist überzeugt, dass sich Katastrophenfälle häufen werden, auch wegen des Klimawandels. Damit sich die Bevölkerung auf solche Ernstfälle vorbereiten kann, bietet das Bundesamt Notfall-Tipps an. Er fühle sich in seiner Rolle manchmal wie die Figur Kassandra aus der griechischen Mythologie, hatte Unger vor dem Warntag gesagt. “Die hat ja auch immer auf irgendwelche Dinge hingewiesen – und keiner hat ihr geglaubt.”

Einen neuen Versuch gibt es im nächsten Jahr: Künftig wird an jedem zweiten Donnerstag im September ein flächendeckender Probealarm durchgeführt. (js)